Nachdem vor kurzem an dieser Stelle vorgestellt wurde, wie mit den Lehren Steven Coveys die persönliche Unabhängigkeit erhöht werden kann und damit die Grundlage gelegt wird um auch in der Beziehung und Interaktion mit anderen Menschen besser zu werden, handelt dieser Teil davon wie die gemäß Covey genannte "Interdependenz" verbessert werden kann.
Covey versteht darunter jeden Austausch mit anderen Personen.
"Emotional Bank Account":
Unter dem "Emotional Bank Account" oder dem Beziehungskonto versteht Covey eine Sichtweise, die uns helfen soll, dass wir im Umgang mit Menschen respektvoll und partnerschaftlich agieren. Nur wer auch einzahlt, kann auch abheben. Und noch mehr. Beweise ich mich als wertvoller und zuverlässiger Partner, so wird nicht mehr Geben und Nehmen gegeneinander aufgewogen, sondern aus dem Gefühl einer ausgewogenen Beziehung heraus einfach zum Vorteil des jeweils anderen agiert. Wichtige Einzahlungen sind:
- Den anderen verstehen, ihn erstnehmen, zuhören und sich in die Lage des anderen versetzen.
- Auf Kleinigkeiten achten, kleine Gesten und Gefälligkeiten und vor allem eine Kontinuität in der Beziehung führen zu einem positiven und aufgeschlossenen Grundgefühl.
- Verpflichtungen einhalten ist eine weitere wesentliche Eigenschaft, die uns zu einem zuverlässigen und wertvollen Partner machen, auf den man sich verlassen kann.
- Erwartungen klären bedeutet, sich auch darüber bewusst zu sein was die Ziele und Wünsche des Gegenübers in Bezug auf die Beziehung aber auch generell sind. Nur wenn wir auch die Erwartungen des Anderen kennen, können wir ihnen auch bewusst entsprechen. Oder eben auch nicht.
- Persönliche Integrität zeigen führt schließlich zu Vertrauen. Es bedeutet so zu handeln wie man spricht und sich an Werten und Prinzipien zu orientieren. Somit werden wir für andere verlässlich und zu einem gewissen Grad auch berechenbar.
- Sich bei Versäumnissen ehrlich zu entschuldigen zeigt dem Partner wiederum, dass wir Einsicht in mögliches Fehlverhalten zeigen und auch die Verantwortung dafür übernehmen und nicht etwa Entschuldigungen vorschieben, die außerhalb unserer Person liegen.
"Win-Win-Denken":
"Win-Win-Denken" ist eine Grundhaltung, die die Bedürfnisse, Ziele und Verpflichtungen anderer in unser Denken mit einbezieht. Wir machen uns dadurch gewissermaßen nicht nur für unsere Zielerreichung verantwortlich, sondern auch für die unserer Partner. Wir fügen unserem Denken also eine zusätzliche Dimension bei, die als Voraussetzung Kenntnisse über den Anderen, Selbstbewusstsein aber auch Vorstellungsvermögen und Kreativität erfordert.
Covey sieht in der "Win-Win-Haltung" fünf Dimensionen:
1. Charakter
Eigenschaften die für eine Win-Win-Haltung notwendig sind, sind vor allem Integrität, Reife und eine Mentalität der Fülle. Integrität wurde bereits erläutert und ist die wichtigste Voraussetzung. Unter Reife versteht Covey in diesem Zusammenhang eine Ausgewogenheit von Mut und Rücksicht, also eine gewisse intuitive Intelligenz für das Mögliche. Mentalität der Fülle meint eine Grundhaltung, dass für alle genug vorhanden ist, aber auch wie so oft in Beziehungen, dass wir etwas geben können ohne es zu verlieren bzw. dass wir Dinge geben können die für uns einen deutlich geringeren Wert besitzen als für einen möglichen Empfänger. Es ist sogar denkbar eine Grundhaltung nach dem Paradigma "Give away as much as you can" zu haben und über diese Großzügigkeit trotzdem noch mehr zu empfangen.
2. Beziehungen
Ist erstmal auf dem Beziehungskonto gegenseitig viel eingezahlt worden und hat sich Vertrauen entwickelt, so können wir in unseren Beziehungen offen werden und eine neue und höhere Ebene der Partnerschaft erreichen in der die Beziehung und die gegenseitige "Win-Win-Haltung" nicht mehr in Frage gestellt wird. Auch Schwächen zu zeigen und persönliche Ängste und Probleme zu offenbaren führt dann zu einer Stärkung der Beziehung.
3. Vereinbarungen
Um in Beziehungen gemeinsam Ziele zu erreichen ist es notwendig diese gemeinsamen Ziele zu benennen und über Aktivitäten zu deren Erreichung Vereinbarungen zu treffen. Dies beinhaltet auch Wünsche zu äußern oder um Hilfe zu bitten. Es ist hilfreich Vereinbarungen explizit zu treffen um Missverständnissen entgegen zu wirken. Gemeinsame Ziele und Pläne führen zu einer starken gegenseitigen Verpflichtung und die erfolgreiche Bewältigung von gemeinsamen Projekten führt zu einem Gefühl der Gemeinsamkeit und Stärke. Es ist aber deshalb auch darauf zu achten, realistisch in der Zieldefinition und in den Forderungen an uns selbst und unsere Gegenüber zu sein. Wurden erst einmal kleine Projekte gemeinsam erfolgreich bewältigt und ist man eingespielt, so ist dies eine gute Basis sich größeren Vorhaben zu zu wenden.
4. Systeme
Systeme sind die Spielregeln die für das Zusammenleben gelten. In Unternehmen zum Beispiel gibt es eine Unternehmenskultur eine Aufbau- und Ablauforganisation, Verantwortlichkeiten und Unternehmensziele sowie persönliche Zielvorgaben. Der einzelne kann sich typischerweise nur im Rahmen dieser Vorgaben bewegen. Es ist auch denkbar das diese Rahmenbedingungen die Kreativität und Kooperativität hemmen und somit eine effiziente Zusammenarbeit in bestimmten Bereichen erschweren. Wir müssen uns dieser Rahmenbedingungen bewusst sein und in diesem Rahmen agieren, sofern wir den Rahmen nicht direkt oder indirekt beeinflussen können. Unser Handeln muss also mit unserem Umfeld abgestimmt sein und im Einklang damit stehen. Deshalb müssen wir diese Umgebungsvariablen kennen und in unsere Beziehungsarbeit einbeziehen.
5. Prozesse
Prozesse sind in diesem Zusammenhang die Schritte die zu einer Gemeinsamkeit führen. Es kann vorkommen, dass wir in einem bestimmten Kontext mit einer Person kooperieren in einem anderen aber nicht. Trotzdem können wir partnerschaftlich zusammenarbeiten. Abhängig von den Rollen und den damit verbundenen Zielen. Der erste Schritt zu einer Gemeinsamkeit ist das erkennen der Bedürfnisse bzw. der Herausforderung und das Teilen dieser Erkenntnis. Im zweiten Schritt können dann Schlüsselfragen gemeinsam identifiziert werden für die dann im dritten Schritt Zielszenarien entwickelt werden. Bei den Zielszenarien sollte sich immer die Frage gestellt werden, ob diese für alle Parteien annehmbar sind und in so fern echte Optionen sind. Der letzte Schritt befasst sich dann mit der Entwicklung neuer Optionen und Möglichkeiten im Hinblick auf die Zielerreichung. Durch diese Vorgehensweise kann eine Einigung über den Zielzustand erreicht werden ohne sich frühzeitig in Details darüber zu verlieren wie dieses Ziel erreicht werden soll.
Mitfühlende Kommunikation:
Kommunikation ist der Kern für den Beziehungsaufbau und die Beziehungspflege. Covey legt großen Wert darauf, den anderen zu verstehen und sich in seine Lage versetzen zu können. Auch misst er der Gefühlswelt Wichtigkeit zu. Er empfiehlt uns zunächst zu versuchen den Anderen zu verstehen bevor wir den Anspruch erheben von unserem Gegenüber verstanden zu werden. Auch warnt er davor mit starren und vorgefertigten „Lösungen“ in Gespräche einzusteigen, wo noch keine ausreichende Diagnose stattgefunden hat.
Zum Themenbereich der mitfühlenden Kommunikation gibt Covey aber weniger konkrete Ansätze. Er bleibt hier eher auf der Ebene einer inneren Haltung von Achtsam- und Aufmerksamkeit als dass er konkrete Empfehlungen ausspricht. Was gute Kommunikation ist und was alles schief gehen kann, ist an anderer Stelle besser zu erforschen.
Synergien erzeugen:
Unter dem letzten Schlagwort Synergien erzeugen spricht Covey schließlich unsere Kreativität und Offenheit an. Synergien entstehen seiner Meinung nach, wenn tiefer geschaut wird und nach der „dritten Alternative“ gesucht wird, wo offensichtliche aber oft eben suboptimale Optionen in Vordergrund stehen.
Auch meint er, dass wir Unterschiede akzeptieren sollten und eher die Chancen der Diversität versuchen sollten zu erkennen. Aber auch dieser Teil bewegt sich eher auf der Ebene einer Haltung als dass er konkrete Handlungsempfehlungen ausspricht. Klar ist nur, dass die vorab genannten Aspekte eine wichtige Voraussetzung sind um Synergien zu erreichen.
Die Empfehlungen und Ansätze die Covey im Bereich der Beziehungen gibt sind nicht so ausgereift und konkret wie die Ansätze zum Selbst-Management. Trotzdem können sie als Indikator dienen und vor allem wichtige Haltungen, die Voraussetzungen sind, dokumentieren.
„Das Schärfen der Säge“:
Nicht zu letzt sollte noch erwähnt werden, dass allen nützlichen Tipps Coveys eine allumfassende Idee zugrunde liegt. Nämlich die Erkenntnis, dass wir in einer Welt voller Veränderung und Vielfalt leben, in der es auf der einen Seite die Notwendigkeit auf der anderen Seite aber vor allem auch unglaubliche Möglichkeiten des Lernen gibt. Nur wenn wir immer offen sind für Neues und Anderes können wir uns ständig weiterentwickeln. Deshalb empfiehlt uns Covey ausdrücklich auch Aktivitäten zum „Schärfen der Säge“ fest in unsere Zeitplanung mit einzubeziehen.
Ich habe die Ansätze Coveys Ende der Neunziger Jahre kennen gelernt und für mich sind diese seither ein ständiger Begleiter und beeinflussen mein tägliches Leben positiv.
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