29. April 2008

Insight: Improvisation und Theater

Nicht nur im Theater sind wir Menschen gefordert in unserer Rolle voll aufzugehen und diese glaubhaft und überzeugend nicht nur zu spielen, sondern zu verkörpern. Wir als Mitglieder des Wissenszeitalters spielen in Beruf und Privatleben unterschiedliche Rollen, denen wir zuverlässig und effizient gerecht werden müssen.

Die wesentlichen Charakteristika einer Rolle sind die Erfüllung einer Aufgabe bzw. Erreichung eines Ziels durch Aktivitäten im Zusammenspiel mit anderen Personen. Dabei ist unsere "Effizienz" sehr stark davon abhängig wie reibungslos wir interagieren. Hierbei müssen wir unsere Mitspieler, die teilweise gemeinsame, teilweise aber auch entgegengesetzte Ziele verfolgen, motivieren, überzeugen und somit für uns und unsere Ziele gewinnen.

Was kann uns die Theaterwissenschaft dazu sagen? Ich habe bei Keith Johnstone, dem führenden Experten im Bereich des Improviationstheaters nachgelesen. Somit können wir hier auch nichts für das vorher oder nachher der Interaktionen erwarten. Aber die die mich kennen, wissen ja, dass ich zur Zeit einen Faible für den "Moment der Wahrheit" habe. Das ist der Moment der Interaktion in den ich entweder geplant, häufig aber auch ungeplant hineingereissen werde.

Was kann ich tun, wenn ich nicht planen konnte? Improvisieren!

Viel hat hierbei mit dem richtigen Zustand zu tun. Oft schränken wir unsere Spontanität und Kreativität durch übermässige Kontrollprozesse ein. Laut Johnstone ist dies eine "Errungenschaft" unserer Erziehung. Die Folge ist der Black-Out und die Angst etwas nicht richtig zu machen. Davon können wir uns lösen.

- Zunächst indem wir uns entspannen, vor allem in der Gesichtmuskulatur, dem Nacken und den Schultern.
- Eine weitere stresslindernde Methode ist die Bauchatmung.
- Die wesentlichste Voraussetzung besteht aber darin, Spontanität zuzulassen und auf das Unbewußte zu vertrauen. Einen guten Zugang zum Unbewussten können wir durch die bereits früher hier vorgestellte AlphaTechnik erhalten. Voraussetzung ist aber hier, dass wir im Reinen mit uns sind.

Wenn wir dies zunächst ein wenig holprig, aber später locker, losgelassen und geradezu tänzerisch beherrschen, können wir Schlagfertigkeit und ein gutes Zusammenspiel auch in schwer planbaren Situationen erreichen.

Johnstone legt auf die folgenden drei Aspekte den Fokus:

1. Status-Spiel
2. Angebote annehmen
3. Die Rolle verkörpern

Status-Spiel:
Jede Interaktion ist von Status-Gebärden begleitet. Dadurch werden Hierarchien festgelegt und jeder ordnet sich an seiner Stelle ein. Grundsätzlich gibt es Hochstatus-Verhalten und Tiefstatus-Verhalten. Wichtig für eine gelungene Interaktion ist, dass wir uns dem Status unserer Partner stark annähern und entweder ein bisschen höher oder tiefer spielen. Eine gute Beziehung erkennt man daran das die Stati wechseln, also damit gespielt wird. Grundsätzlich kann der Status dadurch angepasst werden, indem der eigene verändert wird oder der des Partners herauf- oder herabgesetzt wird.

Welche Faktoren bestimmen den Status?
- Blickkontakt (initial länger halten oder ignorieren bedeutet Hochstatus, zuerst wegschauen, dann aber gleich wieder zurückschauen bedeutet Tiefstatus)
- Zustimmung (Nein-Sagen und sich entziehen bzw. impliziter oder expliziter Widerspruch bedeutet Hochstatus, Ja-Sagen und zustimmen bedeutet Tiefstatus)
- Raum (Raum in Anspruch nehmen, durch Körperhaltung und Bewegung bedeutet Hochstatus, Raum zur Verfügung stellen und ausweichende Körpersprache bedeutet Tiefstatus; hier wird auch von "Ausstrahlung" gesprochen)
- Bewegungen (langsame Bewegungen, Kopf stillhalten bedeutet Hochstatus, schnelle Bewegungen, Hände im Gesicht und starke Kopfbewegungen bedeuten Tiefstatus)

Wenn menschliche Interaktionen ausschliesslich unter diesem Aspekt betrachtet werden, wird klar wie subtil die Mechanismen sind und dass der gesellschaftliche Status nicht viel mit diesem Status-Spiel zu tun hat. Auch der Diener kann Hochstatus gegenüber seinem Herrn spielen. Solche Situationen können dann zu Komik führen.

Die meisten Menschen haben entweder eine Tendenz zum Hochstatus-Spielen oder zum Tiefstatus-Spielen. Hochstatus-Spieler widersprechen häufig "ungewollt" durch implizite Widersprüche und verursachen damit ein schlechtes Gefühl. Gerade bei der Improviation ist "Nein-Sagen" immer unangebracht. Damit sind wir beim zweiten Punkt:

Angebote annehmen:
Jede Äusserung und jede Handlung kann als Angebot von dem einen Spieler an den anderen angesehen werden. Diese Angebote müssen immer angenommen werden um eine gute Improviation zu ermöglichen auch wenn nicht klar ist worauf jemand hinaus möchte oder eine andere Meinung mit einem Teil der Aussage besteht. Es gibt immer einen kleinen Bereich der "Überlappung" der Meingungen der dann in den Vordergrund gestellt werden kann. Auch ist in diesem Zusammenhang das Wort "aber" gänzlich zu streichen und gegebenenfalls durch das Wort "und" oder "obwohl" zu ersetzten. Damit wir die Aussage vor dem "aber" nicht vernichten, trotzdem aber die Aussage nach dem "aber" in den richtigen Kontext setzen.

Auch können Angebote nur auf der Form-Ebene, nicht aber auf der inhaltlichen Ebene angenommen werden. Dies ist erlaubt und führt trotzdem zu einem guten Zusammenspiel.

Die Rolle verkörpern:
Der Aspekt eine Rolle nicht nur zu spielen, sondern sie zu verkörpern, schliesslich ist Johnstone sehr wichtig. Hierbei bringt er das Spielen mit Masken/Kostümen und die Methode der Versetzung in Trance ins Spiel. Masken und Kostüme sind Äusserlichkeiten, die helfen sollen uns mit der Rolle bzw. der Situation zu identifizieren. Durch die "Verkleidung" kann ein Schalter umgelegt werden, der dann für das nötige Selbstgefühl sorgt. Grundsätzlich kann aber auch jeder andere Reiz bzw. Anker genutzt werden. Um den Anker aber nicht zu "Verschmutzen" sollte für jede Rolle ein exklusiver Anker verwendet werden. Zum Thema Trance verliert Johnstone nicht viele Worte in Bezug darauf, wie diese erreicht werden kann, nur dass sie ein guter Zustand für Improvisation ist, weil viele bewusste Filter ausgeschaltet werden. Wie Trance induziert werden kann, werde ich an anderer Stelle beschreiben.

Für mich ist bestechend mit wie wenigen Prämissen Johnstone auskommt um die entscheidenden Faktoren für eine gute Improvisation festzulegen. Wie diese Erkenntnisse auch ausserhalb des Theaters Anwendung finden können bleibt jedem selbst überlassen. Es lohnt sich aber die unten genannten Werke zu lesen. Sind doch noch weitere speziell für das Improvisationstheater und das Geschichtenerzählen interessante Informationen und Spiele enthalten.



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