Das Sprichtwort "Übung macht den Meister" wird durch jüngste Forschungsergebnisse bestätigt. Während davor ein "Trend" zu Lernansätzen wie "Stärken stärken" im Vordergrund stand, haben neuste Ergebnisse gezeigt, dass Talent, genetische Voraussetzungen und Intelligenz für die meisten Fähigkeiten von relativ geringer Bedeutung sind. Es wurde erkannt, dass für den Aufbau von Fähigkeiten vor allem der richtige Aufbau von Myelin (weisse Gehinrmasse die isolierend wirkt) entscheidend ist. Myelin wird wie ein Muskel aufgebaut der regelmässig trainiert wird. Bei diesem Prozess spielt übrigens auch das Alter keine Rolle.
Wenn die richtigen Faktoren zusammen kommen, können wir alles Können. Diese Faktoren sind:
- dauerhafte Motivation durch positive Selbsterwartung
- "aktives" Lernen und
- direktes und differenziertes Feedback (durch einen Lehrer)
Dauerhafte Motivation durch positive Selbsterwartung:
Um eine Fähigkeit zur Meisterschaft auszubilden werden in fast allen Bereichen ca. 10.000 Stunden Übung benötigt. Um Ausdauer und Energie für diese lange Übungszeit aufzubauen und zu erhalten ist eine Initialzündung notwendig und eine ständige Erinnerung an das zu erreichende Ziel. Existieren Vorbilder im direkten Umfeld, die das Ziel bereits erreicht haben (Beweis für die Möglichkeit und Zugehörigkeit), und wird von dem Umfeld quasi implizit angenommen, dass das Ziel auch durch den Lernenden erreicht wird (Beweis für die Fähigkeit), so kann sich leicht eine positive Selbsterwartung für das Erreichen des Ziels ausbilden und eine Adaption der Identität erfolgen.
Ein Beispiel sind die sogenannten KIPP-Schulen in den USA. KIPP steht "Knowledge is Power Program". Die KIPP-Schulen sind freie Schulen die das Ziel haben 100% ihrer Schüler, die aus einfachen Verhältnissen kommen, auf eine Universität zu bringen. Und sie sind erfolgreich. In den Schulen herrscht ein hohes Maß an Disziplin und Ritualisierung, was zu einem Zugehörigkeitsgefühl führt und die KIPP-Identität hervorbringt. Zu dieser Identität gehört eben auch später die Universität zu besuchen. Dies wird immer implizit angenommen und es finden höchstens Gespräche darüber statt welche Universität jemand besuchen möchte - nicht ob. Lehrer machen oft Anspielungen auf den späteren Universitätsbesuch und es finden regelmässige Besuche bei Universitäten statt, sodass das Universitätsleben erfahrbar wird. Nebenbei werden ehemalige KIPP-Schüler besucht die gerade studieren. Das Resultat ist eine extrem hohe Leistungsbereitschaft und Motivation beim Lernen die ansteckend ist und die dazu führt dass tatsächlich fast alle KIPP-Schüler studieren.
Aktives Lernen:
Aktives Lernen akzeptiert, dass Lernerfolg in kleinen Schritten erfolgt und das Ergebnis von harter Arbeit und kontinuierlicher Korrektur und Selbstreflektion ist. Das kleine Scheitern wird erkannt und korrigiert und macht somit den Fortschritt aus. Aktives Lernen heisst ausprobieren, Fehler machen und etwas anderes ausprobieren. Bis das Ergebnis den Vorstellungen entspricht.
Voraussetzung ist dabei, dass man anhand von Aufgaben übt die unsere bisherigen Fähigkeiten geringfügig übersteigen und wir unseren Bemühungen ein klares Ziel geben. Wenn man sich dauerhaft im Zustand leichter Überforderung befindet und effiziente Feedbackmechnismen wirken, kann der sogenannte "Flow-Zustand" entstehen. Jetzt wird am meisten Myelin produziert um die entsprechenden Fähigkeiten aufzubauen. Durch eine regelmäßige Wiederholung findet dann eine Festigung des Erlernten statt.
Eine bewährte Strategie des aktiven Lernens geht vom Nachahmen funktionierender Fähigkeiten bei einer anderen Person aus. Hierbei wird eine Fähigkeit in Einzelbestandteile heruntergebrochen und verlangsamt. Um dann Schritt für Schritt erlernt zu werden. Diese Methode wird auch Modellierung genannt.
Zunächst ist dies nur ein mechanisches Nachäffen. Durch die kontinuierliche Wiederholung wird die Fähigkeit aber erfahr- und fühlbar. Der Lernende kann so ein Gefühl dafür entwickeln was sich gut "anfühlt" und was schlecht und darüberhinaus auch was falsch war. Somit wird der Lernende immer unabhängiger von externem Feedback durch seinen Lehrer.
Direktes und differenzierte Feedback (durch einen Lehrer):
Die Aufgabe des Lehrers ist es im wesentlichen den Lernkontext zu definieren, die Zielsetzung zu bestimmen und beim Lernen kontinuierlich Feedback zu geben um Korrekturen zu ermöglichen.
Alle drei Aufgaben sind idealerweise stark auf die Persönlichkeit und bisher vorhandenen Fähigkeiten des Schülers abzustimmen.
In einer frühen Phase ist es wichtiger positive Gefühle und Erfolgserlebnisse zu verschaffen um so Leidenschaft zu erzeugen und die Faszination der Fähigkeit zu vermitteln und erfahrbar zu machen. Später ist es wichtiger direkt Feedback zu geben um an Feinheiten zu arbeiten. Anerkennung und Tadel werden später immer unwichtiger während konkrete Anweisungen und Informationen an Wichtigkeit zunehmen.
Die wichstige Fähigkeit eines Meisterlehrers ist es achtsam seinen Schüler zu begleiten, eine Verbindung zu haben und so zu erkennen welche Veränderung (Wahrnehmung) den größten Fortschritt bringt und für den Schüler verständlich (direkt) ist. Hierbei hilft dem Lehrer Erfahrung und ein großes Repertoire an Handlungsalternativen.
Dieser Prozess läuft beim Lehrer nur bedingt bewußt ab, sondern basiert im Wesentlichen auf guter Vorbereitung und Intuition. Nicht selten ist es aus didaktischen Gründen von Vorteil auch schauspielerisches Talent zu besitzen um die nötige Spannung und emotionale Aufladung zu erzeugen.
Alle drei Lernelemente führen zu einem positiven Lernumfeld und programmieren geradezu auf Erfolg. Da dieser Zustand ansteckend ist kommt es häufig vor, dass in einer "Talentschmiede" gleich viele Meister eines Fachs entstehen. Wie zum Beispiel in der Renaissance in Florenz im Bereich der Künste, aktuell in Russland im Damentennis (zeitweise 5 Spielerinnen in den Top 10) oder eben bei der KIPP-Schulen in USA.
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